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Essay: Comparing Mozart’s Don Giovanni and Hoffmann’s Don Juan: A Literary Analysis

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  • Published: 1 April 2019*
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1. Einleitung

In dieser Arbeit sollen jeweils ein Werk von zwei wichtigen Künstlern dargestellt und mit einander verglichen werden: E.T.A. Hoffmanns Novelle Don Juan und W.A. Mozarts Oper Don Giovanni. Beide behandeln das gleiche und in der Geschichte oft vorkommende Thema eines Verführers, der jedoch bei verschiedenen Autoren verschiedener Nationen nicht nur anders genannt, sondern auch aus vielen unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird.  

Zunächst soll einen Überblick über die verschiedenen Bearbeitungen des Don-Juan-Themas der letzten Jahrhunderte gegeben werden, wobei nur eine kleine Auswahl der besonders zahlreichen Versionen dargestellt werden kann. Der dritte Abschnitt konzentriert sich auf

Mozart und die Entstehung seiner Don Giovanni. Danach kommen wir zu Hoffmann und seiner Beziehung zur Musik, wobei nicht nur seine literarischen Werke, sondern auch seine musikalischen in dem Mittelpunkt stehen. Der fünfte Abschnitt gilt als Hauptteil der Arbeit, wo die Inhalte beider Werke miteinander verglichen werden sollen. Es wird untersucht, wie Hoffmann in seiner Novelle Mozarts Oper darstellt und neu interpretiert, indem er beispielsweise bestimmte Teile der Oper weglässt. Die möglichen Gründe dafür werden erläutert und Hoffmanns Interpretation von den Rollen des Don Giovanni und der Donna Anna, sowie die Beziehung zwischen diesen Charakteren werden diskutiert. Am Schluss werden die Einflüsse erwähnt, die Hoffmanns Novelle auf nachfolgende Bearbeitungen des Don Juan-Stoffs ausgeübt hat.

2. Der Mythos Don Juan

Seit vier Jahrhunderten lebt der Mythos von Don Juan, in all seinen unterschiedlichen Varianten. Diese literarische Figur hat schon eine Rolle nicht nur im Sprechtheater gespielt, sondern auch in der Oper, der Poesie und der Epik. Jede Don-Juan-Bearbeitung schafft eine andere Perspektive und verschiedene Charakterzüge dieses berühmten Verführers. Don Juan, der rein fiktiv ist, muss man von dem genauso berühmten Casanova unterscheiden, der eine historische Figur aus dem 18. Jahrhundert ist. Casanova wollte sich mit den Frauen einfach vergnügen, und für ihn war das Ganze ein “unterhaltsames Spiel” , während Don Juan die Damen, denen er begegnet, zerstören will, und bereit ist, die Männer, die in seinem Weg stehen, zu töten.

Den Ursprung des weltberühmten Don Juan-Mythos findet man im Jahre 1613 in Spanien.

Der Autor war ein Mönch mit dem Namen Gabriel Tellez, der sich Tirso de Molina nannte. Er schrieb eine Komödie für die Bühne mit dem Titel El burlador de Sevilla y convidado de piedra. Als religiöser Mensch wollte Molina einen Charakter schaffen, der große Sünden gegen Gott begeht, und dadurch eine himmlische Strafe erleidet. Im Gegensatz zu dem Glauben der Antike war die christliche Meinung dieser Zeit, dass alles Erotische und

Sinnliche, sowie Sexualität außerhalb der Ehe negativ und sündhaft sei. Deshalb entstand Don Juan, der durch seine Gerissenheit und seinen Reiz so viele Frauen wie möglich verführt, und am Ende in die Hölle gezogen wird.  

Dem ursprünglichen Don-Juan-Stück des 17. Jahrhunderts folgten unzählbare Varianten des Stoffes, von Autoren in verschiedenen Länden, Sprachen und Epochen. Der Franzose Molière schrieb eine gesellschaftskritische Komödie mit dem Titel Dom Juan ou le festin de pierre, wobei er nicht nur Tirso de Molinas Stoff benutzt hat, sondern auch italienische Bearbeitungen in der Form der Commedia dell’arte. Bei Molière ist der Held ein Atheist und

Rationalist, und außerdem spielten in diesem Stück die Herr-Diener-Dialoge eine größere Rolle als vorher. Es sind danach auch Stücke entstanden, die sich auf Molières Interpretation des Stoffes beziehen, beispielsweise von Brecht (1952) und Annouilh (1955).

In der Zeit der Aufklärung war das Thema des Wunderbaren im normalen Sprechtheater verboten, und in dieser Zeit tauchte Don Juan zum ersten Mal im Musiktheater auf. Im Jahre 1761 schrieb Gluck sein Don Juan-Ballett und im Jahre 1787 folgte Mozarts Oper Il dissoluto punito o sia Il Don Giovanni. Dramma giocoso in due atti. (Der bestrafte Verführer oder Don Giovanni. Komödie in zwei Akten.), mit einem Libretto von Lorenzo da Ponte.

25 Jahren nachdem Mozart seine Oper komponiert hat, schrieb E.T.A. Hoffmann seine

Novelle, Don Juan, mit dem Untertitel Eine fabelhafte Begebenheit, die sich mit einem reisenden Enthusiasten zugetragen. Es handelt sich hier um einen “Enthusiasten”, der eine Aufführung der Mozartschen Don Giovanni-Oper anschaut und diese in einem Brief an seinen Freund beschreibt. Hoffmanns Erzähler beschreibt sehr subjektiv und lückenhaft das, was er sieht, und dadurch ist eine neue Interpretation der Oper und des Don Juan-Mythos entstanden. Zusätzlich gibt es noch eine ganze Menge Don Juan-Bearbeitungen, von denen einige sich relativ stark am ursprünglichen Stoff orientieren, und andere kaum als Teil des Don JuanMythos betrachtet werden können. Es gab verschiedene Tendenzen, beispielsweise den Dandyismus. Diese Tendenz basierte auf einer echten Person namens Dandy aus dem 19.

Jahrhundert, der bestimmte Ähnlichkeiten mit der Don Juan-Figur hatte. Christian Dietrich Grabbe hat Elemente von Don Juan und Faust genommen und die beiden kombiniert, während Théophile Gautier in seiner La comédie de la mort Elemente von Don Juan, Faust und auch Dantes La divina Commedia kombinierte. Verschiedene Autoren, wie Honoré de Balzac und Henry de Montherlant haben einen alten oder sterbenden Don Juan beschrieben und andere, zum Beispiel Byron und Max Frisch, haben den Helden so beschrieben, dass er nicht vor hat, die Frauen zu verführen, er gefällt ihnen einfach, weil er so charmant ist.

3. Die Entstehung von Mozarts Don Giovanni

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) ist in Salzburg geboren und seit einem sehr jungen Alter hat er von seinem strengen Vater Musik gelernt. Schon in seiner Kindheit ist er oft innerhalb Österreichs und auch durch Europa gereist und hat in vielen Konzerten als „Wunderkind“ gespielt. Außerdem hat er viel komponiert und wurde von den zeitgenössischen Musikern sehr beeinflusst. Nach zahlreichen Aufenthalten in wichtigen Städten wie Paris, Rom und London, wo er sich sehr hat inspirieren lassen, und nach dem Tod seiner Mutter im Jahre 1778, ist er 1781 nach Wien umgezogen, wo er seine letzten 10 Lebensjahre verbracht hat und ein wichtiger Vertreter der Wiener Klassik geworden ist. In dieser Zeit hat er eine Frau namens Konstanze Weber geheiratet und sechs Kinder bekommen, von denen nur zwei die Kindheit überlebten. 1791 ist Mozart erkrankt, und im Dezember dieses Jahres ist er gestorben.

Etwa 1784 hat Mozart angefangen mit Lorenzo da Ponte, einem berühmten Wiener Librettisten, zu arbeiten und hat diesen dann gewählt, das Libretto zu Don Giovanni zu schreiben. Insgesamt haben Mozart und Da Ponte zusammen an drei Opern gearbeitet: Le nozze di Figaro (1786), Don Giovanni (1787) und Così fan tutte (1790). Im Jahre 1787 war Mozart in Prag, weil seine Oper Le nozze di Figaro dort aufgeführt wurde. Er war mit Josefa Duschek befreundet und die Familie Duschek hat Mozart zu sich in die Stadt Moldau eingeladen. Eine wichtige Figur des Prager Nationaltheaters, Pasquale Bondini, hat ihm in diesem Jahr den Auftrag gegeben, seine Don-Giovanni-Oper zu komponieren.  

Obwohl Mozart nur kurz davor mit großem Optimismus an seinem Figaro gearbeitet hat, war seine Situation, als er anfing sich mit dem Don Giovanni Stoff zu beschäftigen, nicht mehr so günstig . Er war in Wien weniger beliebt als vorher und seine wirtschaftliche Lage hatte sich verschlimmert. Bei einer Neubearbeitung des Don Giovanni Stoffs ging er auch auf ein Risiko ein, weil das Thema schon so oft behandelt worden war und deshalb für das Publikum vielleicht nicht mehr so spannend wäre. Mozart und Da Ponte haben entschieden, ihr Stück für die Prager Theaterbesucher zu komponieren, denn sie glaubten, es würde dort mehr Erfolg haben als in Wien.

„Mozart and Da Ponte gauged that the piece would be suitable for the musically intelligent but provincial and somewhat unsophisticated tastes of Prague.”  

Die Uraufführung der Oper hätte am 14. Oktober 1787 in Prag zu Ehren von der Erzherzogin Maria Theresia Josepha von Österreich stattfinden sollen, musste aber verschoben werden, weil das Ensemble noch nicht bereit war. Die Herzogin schaute also stattdessen Le nozze di Figaro und Mozarts Don Giovanni wurde am 29. Oktober mit besonderem Erfolg uraufgeführt.

4. Hoffmanns Beziehung zur Musik

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann (erst später hat er, wegen Mozart, den Namen „Amadeus“ angenommen) ist 1776 in Königsberg geboren. Er hat Jura studiert und ist danach Gerichtsassessor in Posen geworden. Hier hat er eine Polin namens Maria Thekla Michalina Rorer-Trzynska kennen gelernt und sie im Jahre 1802 geheiratet.

Während seines Lebens hat Hoffmann in verschiedenen Städten gewohnt, als Jurist und nachher als freier Künstler gearbeitet und wurde ein wichtiger Vertreter der Romantik. Er war in vielen Bereichen der Kunst begabt und sah sich als Komponist, Schriftsteller, Musikkritiker und Zeichner. Besonders die Musik hat ihn begeistert; während seiner Zeit als Jurist hat er sich immer nebenbei mit Komponieren beschäftigt und gab auch privaten Musikunterricht. In Warschau hat er die „Musikalische Gesellschaft“ gegründet, die Konzerte veranstaltete.  

Er war aber nicht immer in allem erfolgreich; in Berlin wollte niemand sein Talent anerkennen und in Bamberg hat er seine Stelle als Musikdirektor schnell verloren. Jedoch als Musikkritiker für die „Allgemeine musikalische Zeitung“ in Leipzig hatte er mehr Erfolg und es ist ihm danach gelungen, 1809 seine Erzählung Ritter Gluck in dieser Zeitung zu veröffentlichen. Hoffmann hat verschiedene Stellen in Dresden, Leipzig und dann Berlin angenommen. Im September des Jahres 1812 schrieb er seine Novelle Don Juan; diese wurde 1814 in der ersten Band der Fantasiestücke bei Kunz veröffentlicht.

Im Jahre 1822 hat er seine Erzählung Meister Floh geschrieben, die einen damals laufenden Gerichtsprozess parodiert hat. Dadurch bekam er große Schwierigkeiten mit dem Gericht, denn er hat dafür vertrauliche Informationen aus diesem Prozess benutzt. In demselben Jahr erkrankte Hoffmann und am 25. Juni 1822 ist er gestorben.  

Es waren seine musikalische Erzählungen, die Hoffmann bekannt gemacht haben, und auch heute wird er vorwiegend als Dichter und Schriftsteller betrachtet. Eigentlich wollte er aber als Komponist anerkannt werden und strebte sein ganzes Leben danach. Bis 1814 hat er etwa 80 Werke komponiert; acht davon sind Singspiele und Opern . Während seiner Zeit als

Kapellmeister in Leipzig und Dresden komponierte er Undine, die als seine bedeutendste Oper gilt  und besonders erfolgreich in Berlin uraufgeführt wurde. Sie basiert auf der gleichnamigen Erzählung des Schriftstellers F. de la Motte Fouqué, mit dem Hoffmann auch befreundet war.

Als Quelle für seine Novelle Don Juan nahm Hoffmann Mozarts Oper Don Giovanni, die er schon in seiner Jugend kennen gelernt hat. Seine Novelle wird als „Interpretation der Oper durch einen Künstler“  betrachtet. Es bleibt unklar, wann er diese Oper zum ersten Mal auf der Bühne angeschaut und gehört hat; bekannt ist aber, dass er sie in der Zeit von Oktober 1810 bis Oktober 1811 unter Holbein in dem Bamberger Theater miterlebt hat. Hoffmann selbst, wie auch Kunz, haben die Aufführungen unter Holbein als wichtige Anregung für die Entstehung der Novelle gesehen. Der Aufbau des Theaters in Don Juan hat sogar

Ähnlichkeiten mit dem Aufbau des Bamberger Theaters. Außerdem ähnelt Donna Annas Charakter in Hoffmanns Werk der Schauspielerin Elizabeth Röckel, die diese Rolle in den Aufführungen unter Holbein gespielt hat.

Als wichtiger Vertreter der spätromantischen Epoche sah Hoffmann die Musik als Flucht aus der Wirklichkeit und „Symbol romantischer Sehnsüchte“ , sogar als einzige Möglichkeit, das Wunderbare darzustellen. Sein Interesse an Musik hat einen großen Einfluss auf seinen literarischen Stil ausgeübt, besonders in seiner Novelle Don Juan, die seine romantischen Vorstellungen der Musik ausdrückt.

5. Hoffmanns Interpretation von Mozarts Oper

Hoffmanns Novelle, die aus kaum mehr als 16 Seiten besteht , ist in der Form eines Briefs geschrieben, den der Ich-Erzähler, ein so genannter „reisender Enthusiast“ an seinen Freund Theodor schreibt. Es wird behauptet, dass hier ein Bezug zum Jugendfreund Hoffmanns, Theodor von Hippel9, zu sehen ist, mit dem er auch später in seinem Leben regelmäßig korrespondiert hat. Die Novelle wird chronologisch erzählt: Sie fängt am Abend an und dauert bis zum Mittag des nächsten Tages. Sie besteht aus drei Teilen: zwei könnten als Hauptteile gelten und am Ende gibt es einen kurzen (aber genauso wichtigen) Anhang. Im ersten Teil beschreibt der Erzähler, wie er von seinem Hotelzimmer direkt in eine Fremdenloge eines Theaters gekommen ist, wo er allein sitzen konnte, um eine Aufführung von Mozarts Oper Don Giovanni anzuschauen. In dem Brief beschreibt er seinem Freund bestimmte Teile dieser Aufführung: die Ouvertüre, den Beginn und das Ende des ersten Aktes und einen Teil des zweiten Aktes (ab Szene 12 bis zum Ende). Die Oper wird aber nur unvollständig beschrieben, weil der Hauptcharakter, während er die Aufführung anschaut, von einer mysteriösen Figur besucht wird, die seine Konzentration unterbricht.

Hoffmanns Don Juan ist wegen seiner Unvollständigkeit und Subjektivität keine richtige

Opernbeschreibung, sondern eine künstliche Bearbeitung aus der Perspektive eines Romantikers. Der „reisende Enthusiast“ beschreibt genau das, was er erfährt und fühlt. Man kann nicht behaupten, er schaue vielleicht zum ersten Mal Mozarts Don Giovanni an, denn er macht verschiedene Bemerkungen, die zeigen, dass er das Werk gut kennt. Sobald ein Kellner ihn über die Aufführung informiert, stürzt er wegen seiner Begeisterung schnell aus seinem Hotelzimmer und ins Theater. Er ist auch fähig, verschiedene italienische Zitate aus der Oper wiederzugeben, die vielleicht schwierig zu merken wären, wenn er das Werk nie gesehen hätte. Der Enthusiast gibt aber nicht absichtlich eine kurze, unvollständige Beschreibung, sondern die Figur in seiner Loge nimmt viel seiner Aufmerksamkeit, obwohl er sich entscheidet, sie völlig zu ignorieren. In dem zweiten Akt, nach seinem Gespräch mit der Sängerin Donna Anna, beschreibt er wieder nur bestimmte Teile der Oper, weil er an sie und an die Gefühle, die sie in ihm erweckt hat, denkt.

5.1. Welche Teile werden berücksichtigt und welche weggelassen?

Mozarts Don Giovanni besteht aus zwei Akten. Im ersten Akt sind 20 Szenen und im zweiten sind 13 Szenen. Hoffmanns Erzähler sitzt schon in dem Theater, als die Oper anfängt, und er beschreibt die erste Szene, als der Diener Leporello draußen auf seinen Herrn, Don Giovanni, wartet, der gerade versucht Donna Anna zu verführen. Der Enthusiast gibt Leporellos erste Worte wieder, „Notte e giorno faticar“ („Keine Ruh’ bei Tag und Nacht“. Hoffmann S.56)10 und freut sich, dass die Oper, obwohl „am deutschen Orte“(S.56), trotzdem auf Italienisch aufgeführt wird, „wie es der große Meister empfing und dachte“ (S.56). Dann kommt Don

 

9 E.T.A. Hoffmann: Sämtliche Werke, Bd. 2-1: Fantasiestücke. Werke 1814. Frankfurt 1993. S. 681

10 Die italienischen Zitate aus Mozarts Oper, die Hoffmanns Erzähler zitiert, werden als „Hoffmann“ anstatt als „Mozart“ bezeichnet, weil sie nicht direkt aus  Mozarts Werk stammen, sondern indirekt durch den Erzähler.

Außerdem stimmen nicht alle Mozart-Zitate und deren deutschen Übersetzungen im Reclam Ausgabe von Hoffmanns Don Juan mit den entsprechenden Textteilen im Reclam Ausgabe von Mozarts Don Giovanni überein. Die einsprachig deutschen  Primärtext-Zitate sind alle aus Don Juan.

Juan auf die Bühne, gefolgt von Donna Anna, die Rache schwört: „Non sperar se non m’uccidi“ („Hoffe nicht, eh’ du mich tötest, meine Rache zu entgehn“. Hoffmann S.57) Den Mord des Ordensritters, Vater von Donna Anna, in der ersten Szene beschreibt er nur flüchtig, und die zweite Szene, als Don Giovanni und Leporello den Mord besprechen, lässt der Enthusiast aus. Als Nächstes beschreibt er die dritte Szene, als Donna Anna ihrem Bräutigam,

Don Ottavio, „Don Juans grausames Attentat“ erklärt (S.58). Hier zitiert er Donna Annas Zeile „Ma qual mai s’offre, o dei, spettacolo funesto agli occhi miei!“ („Welch ein schreckliches Bild enthüllt sich voll Graun meinen Blicken“. Hoffmann S.58) Der Enthusiast erwähnt den Eintritt von Donna Elvira in der vierten Szene, dann wie sie in der fünften Szene, mit den Worten „Tu nido d’inganni“ („Du Ausbund der Schlechtigkeit“. Hoffmann S.58), Don Giovanni anspricht. Er zitiert auch Leporellos ironische Worte: „Parla come un libro stampato“ („Sie spricht wie ein gedrucktes Buch“. Hoffmann S.58). Während er diese Szene anschaut, bekommt der Enthusiast zum ersten Mal den Eindruck, dass jemand außer ihm sich in seiner Loge befindet. Weil diese Figur seine Aufmerksamkeit ablenkt, beschreibt er gar nichts mehr von der Mitte der fünften bis zur fünfzehnten Szene.  

Das was in der fünften Szene nicht beschrieben wird, ist Don Giovannis Betrug von Donna Elvira, indem er insgeheim flieht, als sie versucht mit ihm zu reden, und Leporellos Erklärung an sie über die zahlreichen Eroberungen seines Herrn. Es gibt weder eine Beschreibung von Donna Elviras Entscheidung in der sechsten Szene sich zu rächen, noch von der fröhlichen Hochzeitsfeier Masettos und Zerlinas, die Don Giovanni unterbricht, indem er in den siebenten bis neunten Szenen von Mozarts Oper die Braut von ihrem Bräutigam entführt und sie zu heiraten verspricht. Außerdem beschreibt Hoffmanns Erzähler nicht: Donna Elviras Warnung an Zerlina, dass Don Giovanni ein Betrüger sei (zehnte Szene), das Treffen von Don Giovanni mit Donna Anna und Don Ottavio, als sie ihn um Hilfe bitten (elfte Szene), die zwölfte Szene, als Donna Elvira versucht die Vorigen zu überzeugen, dass Don Giovanni ein Betrüger sei, während er sie eine Verrückte nennt, und die dreizehnte bis vierzehnte Szene, als

Donna Anna an seiner Stimme erkennt, dass Don Giovanni der Mörder ihres Vaters ist, und Don Ottavio ihr verspricht, Rache zu nehmen.

Erst an dem Punkt in der fünfzehnten Szene, als Don Giovanni Leporello ein Fest vorzubereiten befiehlt, fängt der Enthusiast wieder mit seiner Beschreibung an. Er zitiert Don Giovannis Worte „Fin ch’han dal vino” („Bis von dem Weine [glühen die Wangen]“. Hoffmann S.59) und er beschreibt, wie Zerlina in der sechzehnten Szene versucht, Masetto zu trösten. Verschwiegen werden die siebzehnte und achtzehnte Szene, als Don Giovanni Zerlina sucht, ihr über seine Liebe für sie erzählt und den versteckten Masetto findet. In der neunzehnten Szene von Mozarts Oper stehen Donna Anna, Don Ottavio und Donna Elvira draußen in Masken und sprechen darüber, wie gefährlich es sein könnte, Don Giovanni zu konfrontieren, aber dieses Gespräch erwähnt der Enthusiast nicht. Von der zwanzigsten und letzten Szene des ersten Aktes wird beschrieben, wie „in fröhlichem Gewühl wälzen sich die Bauern und allerlei Masken umher, die Don Juans Fest herbeigelockt hat“ (S.59), und wie

„die drei zur Rache Verschwornen“ (S.59) in den Tanzsaal eintreten. Endlich beschreibt der

Erzähler die Rettung von Zerlina, mit der Don Giovanni zu tanzen versucht, und wie Don

Giovanni sein Schwert zieht: er „bahnt sich durch das gemeine Gesindel […] den Weg ins Freie“ (S.59-60). Hiermit endet der erste Akt, und der Enthusiast schaut zum ersten Mal nach, wer bei ihm in der Loge steht.

Nach seinem Gespräch mit der Darstellerin Donna Anna fängt der zweite Akt an, aber wegen der Begegnung mit dieser mysteriösen Figur ist der Enthusiast in einer Traumwelt versunken, und konzentriert sich noch weniger als vorher auf die Handlung der Oper. Er beschreibt gar nicht, wie Don Giovanni Donna Elvira wieder betrügt, indem er Leporello zwingt, ihn nachzuahmen (erste bis dritte Szene). In der vierten bis sechsten Szene des zweiten Aktes tut Don Giovanni so, als sei er Leporello, und er schlägt Masetto, der danach von Zerlina gefunden wird. Dann erscheinen Leporello und Donna Elvira, aber als Donna Anna, Don Ottavio und dann Zerlina und Masetto ihn töten wollen, muss er gestehen, nicht Don

Giovanni zu sein. Er bittet sie um Verzeihung, dann flieht er. Das alles erwähnt Hoffmanns Enthusiast nicht, und auch nicht die elfte Szene, als die Statue des Ordensritters (der Vater von Donna Anna) zu sprechen anfängt, und Don Giovanni ihn zum Essen einlädt. Der Enthusiast beschreibt nur das Finale, ab der dreizehnten Szene, als das Feiern mit Don Giovannis Worten „Gia la mensa è preparata!“ („Schon ist das Mahl bereitet“. Hoffmann S.62) beginnt. Er erwähnt die vierzehnte Szene, als Donna Elvira versucht, Don Giovanni zu überzeugen, sein Leben zu verändern, und als am Ende ein Klopfen an der Tür zu hören ist. Endlich beschreibt der Erzähler die fünfzehnte und letzte Szene der Oper: die Statue des Ordensritters tritt ein, er verlangt, dass Don Giovanni bereut, aber der weigert sich und wird mit viel Lärm und Blitz in die Hölle gezogen. Dann kommen all die anderen Charaktere, die Don Giovanni suchen, Leporello sagt ihnen, was passiert ist und Donna Anna erklärt Don Ottavio, dass sie ihn nicht sofort heiraten will.

5.2. Wie ist die lückenhafte Beschreibungsart zu verstehen?

Die Unvollständigkeit der Beschreibung kann man erstens, wie schon erwähnt, mit dem

Auftauchen der Sängerin in der Loge des Enthusiasten begründen, und mit den emotionalen Wirkungen, die sie bei ihm hinterlässt. Wenn man aber das Werk tiefer betrachtet, muss man sich noch fragen, was Hoffmann eigentlich mit dieser lückenhaften Beschreibungsart erreichen wollte. Es ist wichtig nicht nur herauszufinden, welche Teile der Oper sein Erzähler nicht erwähnt, sondern auch, warum gerade diese Teile. Der Enthusiast ist ein Romantiker und er sieht die Oper genau, wie er sie sich aus seiner romantischen Perspektive vorstellt. Die weggelassenen Teile hätten, wenn er sie dazu beschrieben hätte, seine romantische Vorstellung zerstören und ihr widersprechen können.

5.2.1. Die positive Darstellung von Don Giovanni

Hoffmanns Enthusiast gibt dem Leser ein Charakterbild des Helden Don Giovanni, der sich stark unterscheidet von dem Charakter, wie Mozart ihn darstellt. Mozart wollte einen bösen Menschen zeigen, der sich mit Frauen vergnügt und sie dann eine nach der anderen betrügt und verlässt, einfach weil es ihm Spaß macht. So ein Charakter passt aber nicht in das Weltbild eines Romantikers wie des Enthusiasten und er versucht der Oper eine tiefere

Bedeutung und gleichzeitig dem Helden eine schönere Personalität zu geben. Er sieht ihn als Idealsucher „von einsamer Größe, die ihn über die Masse erhebt“ , der ständig etwas Besseres sucht, aber immer wieder enttäuscht wird.

Dass so eine Person wie Don Giovanni einen sinnlosen Mord begehen und dann diese Tat nicht bereuen würde, will der Enthusiast nicht hervorheben, sondern schiebt es in den Hintergrund seiner Beschreibung. Deshalb, wie schon erwähnt, beschreibt er wenig von der ersten und zweiten Szene des ersten Aktes. In Mozarts Oper sagt Don Giovanni sogar zu Leporello über den getöteten Ordensritter „L’ha voluto, suo danno.“ („Er hat es gewollt, sein Pech“. Mozart S.22-23) , was gar keinen guten Eindruck von der Personalität Don Giovannis gäbe, wenn der Enthusiast es zitiert hätte. Der Leser sollte alles, was Don Giovanni macht, als positiv ansehen, denn er ist (nach der Meinung des Enthusiasten) besser als andere Menschen und die normalen Regeln beziehen sich nicht auf ihn. Man bekommt den Eindruck, dass er (fast wie ein Gott) höhere Pläne hat, die normale Menschen gar nicht infrage stellen dürfen, auch wenn er ganz schreckliche Taten begehen muss, um seine Ziele zu erreichen. Hoffmanns Erzähler geht auch so weit, die Schuld an dem Mord des Ordensritters dem Getöteten selbst zu geben, weil er in den Weg Don Giovannis getreten ist. Der Enthusiast kommentiert: „Der alte Papa hat seine Torheit, im Finstern den kräftigen Gegner anzufallen, mit dem Leben gebüßt“ (S.57). Dieser Satz gibt eine besonders einseitige Meinung des Geschehens: eigentlich war es Don Giovanni, der töricht und feig war, weil er in das Haus eingebrochen ist, Donna Anna vergewaltigen wollte, und dann, als sie dagegen protestierte, zu fliehen versuchte ohne sein Gesicht zu zeigen. Außerdem hat er einen Mord begangen, nur damit er entkommen konnte. Der Vater von Donna Anna auf der anderen Seite, der einfach seine Tochter beschützen und seinen Haushalt in Sicherheit bringen wollte, hat tapfer versucht, den Verbrecher aufzuhalten und ist währenddessen getötet worden. Trotzdem erzählt der Enthusiast, weil es besser in sein romantisches Weltbild passt, von der „Torheit“ des Alten. Für Hoffmanns Don Juan ist alles erlaubt, deswegen sollten die Leute, die ihn irgendwie zu verhindern versuchen, egal was der Grund sein mag, mit den Konsequenzen rechnen. Diese Tatsache wird auch kurz davor betont, als der Enthusiast sich fragt: „Warum stößt er nicht mit kräftiger Faust das Weib zurück und entflieht?“ (S.57) Dem mächtigen Don Giovanni soll auch Gewalt gegen Frauen erlaubt sein, wenn es nötig ist, und der Erzähler sieht sogar etwas Mutiges in so einer Tat. Er bildet sich ein, dass Don Giovanni an einen „Kampf von Haß und

Liebe im Innern“ (S.57) leidet, der ihn schwach macht. Das alles gibt dem Leser den

Eindruck, dass Don Giovanni ein sehr leidenschaftlicher Mensch ist, der viele gegensätzliche Emotionen hat.

Für einen guten Menschen, wie der Enthusiast ihn in Don Giovanni darstellen will, gibt es keinen Betrug, nur das Streben nach etwas Besserem. Deswegen beschreibt er nicht, wie in der fünften Szene Don Giovanni von Donna Elvira flieht, als sie von ihm eine Erklärung für sein entsetzliches Benehmen ihr gegenüber verlangt. Sie ist traurig und verletzt, weil er sie verführt und verlassen hat, aber er zeigt nur unechtes Mitleid für sie, „Eh via / Siate più ragionevole… (A parte.) Mi pone / A cimento costei.“ („Nicht doch, seid etwas vernünftiger… (Beiseite.) Die stürzt mich noch ins Unglück“. Mozart S. 32-33) Dann sagt er ihr, dass Leporello ihr alles erklären wird, und er selbst verschwindet, bevor Donna Elvira überhaupt bemerkt, dass er weggehen will.  

Es gefällt dem Mozartschen Don Giovanni, eine Frau nach der anderen zu verführen, dann zu verlassen, ohne sich Sorgen zu machen, wie viele er verletzt und betrügt. Man kann sogar behaupten, es macht ihm Spaß sie zu betrügen, ihre Gefühle sind ihm auf jedem Fall gleichgültig. Als er Donna Elvira zufällig trifft, ist es ihm höchstens peinlich, dass sie ihm mit so viel Emotion und Zorn anredet. Die Bedeutung ihrer Worte bewegt ihn nicht, er denkt nur daran, wie er am schnellsten der Situation entfliehen kann. Es ist deshalb kaum überraschend, dass der Enthusiast wenig von diesem Teil der Oper beschreibt, denn für einen Romantiker wäre ein solches Verhalten unpassend und unakzeptabel. Gleichfalls beschreibt der Enthusiast nicht, wie Leporello Donna Elvira die Wahrheit sagt, und ihr das Buch zeigt, wo er die zahlreichen Eroberungen seines Herrn aufgelistet hat. Der Enthusiast erkennt, dass Don Giovanni ein „Frevler“ (S.56) und ein „Verräter“ ist, aber trotzdem gelingt es ihm, den Helden zu romantisieren, und diese Bezeichnungen lassen ihn einfach mächtiger erscheinen. Was Don Giovannis Verhalten Donna Elvira gegenüber noch betrifft, wird auch nicht beschrieben, wie Donna Elvira, von Don Giovanni völlig betrogen fühlend, die Entscheidung trifft, sich zu rächen: „Ah vendicar vogl’io / L’ingannato mio cor“ („Ah, rächen will ich mein betrognes Herz“. Mozart S.36-37). So eine Szene zu beschreiben hätte dem Leser Donna Elviras Perspektive näher gezeigt, der möglicherweise danach Don Giovanni weniger positiv gesehen hätte. Außerdem wird, wie schon erwähnt, die zehnte Szene des ersten Aktes nicht beschrieben, weil sie auch ein negatives Licht auf den Charakter Don Giovannis wirft. Don Giovanni will Zerlina zu seinem Landsitz bringen, dann taucht Donna Elvira auf, völlig außer sich vor Zorn, und redet Don Giovanni mit folgenden Worten an: „Fermati scellerato: il ciel mi fece / Udir le tue perfidie; io sono a tempo / Di salvar questa misera innocente / Dal tuo barbaro artiglio.“ („Halt, Schamloser: der Himmel ließ mich deinen Schwindel mit anhören, rechzeitig noch bin ich gekommen, diese Unglückliche, Unschuldige deiner brutalen Klaue zu entreißen“. Mozart S.48-49) Don Giovanni versucht Zerlina zu überzeugen, dass Elviras Worte nicht wahr sind, aber er schafft das nicht und Donna Elvira nimmt Zerlina mit sich weg. Eine ähnliche Situation kommt noch in der zwölften Szene vor: dieses Mal spricht Don Giovanni mit Don Ottavio und Donna Anna, die noch nicht wissen, dass er derjenige ist, den sie suchen. Er verspricht, ihnen zu helfen, dann kommt Donna Elvira herein und will ihnen die entsetzliche Wahrheit über Don Giovanni sagen: „Non ti fidar, o misera, / di quel ribaldo cor!“. („Du Unglückliche, vertraue diesem Lügner nicht!“ Mozart S.52-53) Als Antwort sagt Don Giovanni ihnen „La povera ragazza / È pazza“ („Das arme Mädchen ist von Sinnen“ Mozart S.52-53). Zuerst wissen Don Ottavio und Donna Anna nicht, wem sie glauben sollten, aber am Ende der Szene vertrauen sie Don Giovanni nicht mehr. Diese Szenen, wenn Hoffmanns Enthusiast sie beschrieben hätte, hätten erstens gezeigt, wie betrügerisch Don Giovanni ist, und zweitens, wie er nicht immer das bekommt, was er möchte, nämlich Zerlina, und das Vertrauen von der Leute, mit denen er redet. Der Enthusiast will ihn aber so darstellen, dass für ihn alles möglich und nichts unerreichbar sei. Andere Szenen, die Hoffmanns Enthusiast nicht erwähnt, werfen auch ein schlechtes Licht auf Don Giovanni, beziehungsweise zeigen die Handlung von dem Standpunkt anderer Menschen, was der Erzähler vermeiden will. So lässt er den Teil der Oper aus, als Don Giovanni die

Hochzeitsfeier von Masetto und Zerlina unterbricht, dann Masetto und die anderen Gäste in seinen Palast einlädt, unter dem Vorwand, für sie eine schöne Feier veranstalten zu wollen, nur damit er allein mit Zerlina sein kann, um sie zu überzeugen, dass sie mit ihm anstatt mit ihrem Bräutigam, Masetto, zusammen sein sollte.

Man sieht schon, dass Hoffmann die Aufführung der Oper besonders absichtlich auf diese lückenhafte Art beschrieben hat, damit er die positiven Charakteristika seines Helden, Don Giovanni, betonen konnte. Das hat er aber nicht nur dadurch erreicht, dass er potentiell negative Teile weggelassen hat, sondern er hat auch zusätzlich Kommentare über den Charakter gemacht, die ihn in einem positiven Licht zeigen. Die begeisterte Beschreibung von dem Eintritt Don Giovannis könnte dem Leser den Eindruck geben, dass er wie ein Gott aus einer Wolke auftaucht: „Don Juan wickelt sich aus dem Mantel und steht da in rotem, gerissenen Sammet mit silberner Stickerei, prächtig gekleidet“ (S.57). Don Giovannis Kleider sind wie die eines Königs, und die Tatsache, dass der Erzähler sie beschreibt, betont die adelige Herkunft dieser Figur und seinen höheren Klassenstand. Das Aussehen des Charakters wird besonders positiv beschrieben: „Eine kräftige, herrliche Gestalt: das Gesicht ist männlich schön; eine erhabene Nase, durchbohrende Augen, weichgeformte Lippen“ (S.57). Das alles gibt den Eindruck, dass er nicht nur ein sehr schöner Mensch ist, sondern auch, dass er mit seiner Schönheit und starken Personalität alles erreichen kann, was er will. Die „erhabene Nase“ betont seinen hohen Rang, die „durchbohrende[n] Augen“ seine Intelligenz, und die „weichgeformte[n] Lippen“, seine Sensualität. Das Gute wird aber auch mit dem Bösen verbunden, indem der Enthusiast Don Giovanni mit Mephistopheles vergleicht: „das sonderbare Spiel eines Stirnmuskels über den Augenbrauen bringt sekundenlang etwas von Mephistopheles in die Physiognomie“ (S.57). Diese Charakteristik wird aber trotzdem positiv gesehen: „[…] das, ohne dem Gesicht die Schönheit zu rauben, einen unwillkürlichen Schauer erregt.“ (S.57) Er wird auch beschrieben, als hätte er magische Kräfte, „als könnten die Weiber, von ihm angeblickt, nicht mehr von ihm lassen und müssten, vor der unheimlichen

Gewalt gepackt, selbst ihr Verderben vollenden.“ (S.57) Der Enthusiast gibt zu, dass Don

Giovanni ein entsetzlicher und grausamer Mensch ist, aber es bereitet ihm anscheinend große

Freude, dass der Held dadurch Macht über andere Charaktere hat. Gleich nach dieser

Beschreibung von Don Giovanni folgt eine Beschreibung von Leporello. Im Vergleich mit Don Giovanni, bei dem das Aussehen sehr positiv beschrieben wird, merkt der Leser sofort, dass Leporello weder so schön, noch so elegant ist wie sein Herr, und dass er einem niedrigeren sozialen Rang angehört. Er wird zweimal sogar „seltsam“ genannt: „Die Züge seines Gesichts mischen sich seltsam zu dem Ausdruck von Gutherzigkeit, Schelmerei, Lüsternheit und ironisierender Frechheit; gegen das grauliche Kopf- und Barthaar stechen seltsam die schwarzen Augenbrauen ab.“ (S.57-58) Das alles gibt den Eindruck, dass Leporello auf einer Seite ein lustiger, freundlicher Mensch ist, und auf der anderen Seite, dass er nichts von Don Giovannis Größe und Macht hat. Dieser Gegensatz zwischen den beiden Charakteren hilft weiter, Don Giovanni noch größer und mächtiger erscheinen zu lassen.

In seiner Beschreibung des Endes des ersten Aktes, stellt der Enthusiast Don Giovanni wie einen wirklichen Helden dar, der „mit gezogenem Schwert seinen Feinden entgegen [tritt]“ (S.59). Der Leser, der Mozarts Oper nicht kennt, würde sofort der Meinung sein, dass Don Giovanni das „Gute“ verkörpert, und seine „Feinde“, das „Böse“, denn das Geschehen ist völlig aus seiner Perspektive erzählt. In der Oper handelt es sich hier eigentlich darum, dass Don Giovanni Zerlina gewalttätig verführt und als sie nach Hilfe schreit, kommen Don Ottavio, Donna Anna und Masetto, um sie zu retten. Hoffmanns Erzähler beschreibt Don Giovanni in dieser Szene als „mutig“, aber in der Opernhandlung ist er sogar nicht mutig genug, die Konsequenzen seiner Tat zu akzeptieren, sondern erzählt den Leuten, dass Leporello der Verbrecher sei: „Ecco il birbo che t’ha offesa: / Ma da me la pena avrà! / Mori, iniquo!“ („Da ist der Unmensch, der dich überfallen hat: aber seine Strafe empfängt er von mir! Stirb, Schändlicher!“ Mozart S.84-85) Der Enthusiast endet seine Beschreibung des ersten Aktes auch auf eine positive Weise, die Don Giovanni besonders mutig erscheinen lässt: „[Er] bahnt sich durch das gemeine Gesindel, das er, wie die tapfere Roland die Armee des Tyrannen Cymork, durcheinanderwirft, daß alles gar possierlich übereinander purzelt, den Weg ins Freie.“ (S.59-60)

5.2.2. Die Hervorhebung von Donna Anna in den Mittelpunkt des Geschehens.

Genau wie Hoffmann seinem Leser eine neue Interpretation von Don Giovannis Charakter gibt, so schafft er auch eine neue Perspektive der Rolle Donna Anna. Bei Mozart ist diese Rolle  wichtig, aber trotzdem ist es von gleicher oder sogar weniger Gewicht, als die von Donna Elvira.  Donna Elvira soll, bei Mozart, eine Gegnerin Don Giovannis darstellen, die am stärksten seine verführerischen Pläne zerstören und sich rächen will. Hoffmann verleiht aber Donna Anna diese Rolle, „indem der dramaturgische Schwerpunkt des Gegenparts von

Donna Elvira auf Donna Anna verlegt wird.“  

Der Enthusiast ist von Donna Anna begeistert, auf einer Seite von der Rolle dieses Charakters in der Oper, und auf der anderen Seite von der Sängerin, die diese Rolle darstellt, die aber für ihn beide ein und dasselbe sind. In seiner Beschreibung der ersten Szene der Oper lobt er ihr Aussehen, insbesondere ihre Augen, „aus denen Liebe, Zorn, Haß, Verzweiflung, wie aus einem Brennpunkt eine Strahlenpyramide blitzender Funken werfen, die wie griechisches Feuer unauslöschlich das Innerste durchbrennen!“ (S.56-57) Diese übertrieben-dramatische Beschreibung betont, wie stark ihre Gefühle sind und wie viel sie leidet. Sie scheint wie eine griechische Göttin zu sein, die Blitz und Feuer aus der Luft rufen kann. Der Leser bekommt dadurch den Eindruck, dass nur  Donna Anna wichtig genug ist, Don Giovanni gegenüber zu stehen. Der Erzähler beschreibt auch ihre Haare: „Des dunklen Haares aufgelöste Flechten wallen in Wellenringeln den Nacken hinab.“ (S.57) Diese Beschreibung betont ihre besondere und natürliche Schönheit, während seine Beschreibung davon, wie sie angekleidet ist, ihre Sensualität betont: „Das weiße Nachtkleid enthüllt verräterisch nie gefahrlos belauschte

Reize“ (S.57). Außerdem lobt er ihr Singen: „welche Stimme!“ (S.57) und beschreibt, wie „Durch den Sturm der Instrumente leuchten wie glühende Blitze die aus ätherischem Metall gegossenen Töne!“ (S.57) Wieder bekommt man hier den Eindruck, dass der Erzähler Donna Anna als eine himmlische Figur sieht und völlig begeistert von ihrem Aussehen und ihrem Talent ist.

Die lückenhafte Beschreibungsart, die Hoffmann benutzt, um eine positive Interpretation von

Don Giovanni zu schaffen, benutzt er auch, um Donna Anna weiter in den Mittelpunkt des Geschehens zu ziehen. Wie schon erwähnt, gibt er eine sehr ausführliche Beschreibung von ihrem Eintritt in der ersten Szene, während seine Beschreibung von Donna Elvira sehr kurz ist: „Eben schalt die lange hagere Donna Elvira, mit sichtlichen Spuren großer, aber verblühter Schönheit“ (S.58). Der Enthusiast beschreibt auch das Gespräch, das Donna Anna mit Don Ottavio in der dritten Szene führt und er zitiert ihre Worte. Das Auftauchen der mysteriösen Figur in der Loge lenkt die Aufmerksamkeit des Erzählers ab, und das, was er deswegen nicht beschreibt, sind elf Szenen (die fünfte bis zur fünfzehnten), wo bei Mozart Donna Anna selten mitspielt, aber Donna Elvira auf der anderen Seite eine relativ große Rolle hat. In diesen Szenen kommen auch verschiedene Nebenhandlungen mit Zerlina, Masetto und Leporello vor.  Indem der Enthusiast einen so großen Teil der Oper einfach auslässt, begrenzt er die Handlung, damit sie intensiver auf Don Giovanni und Donna Anna konzentriert ist.

5.3. Die Vorstellung des Enthusiasten von der Beziehung zwischen Don Giovanni und

Donna Anna

Der Enthusiast, als Romantiker, findet es nötig, der Oper „eine tiefere Bedeutung zu geben“

(S.65), um sie verstehen zu können, denn „nur ein romantisches Gemüt kann eingehen in das

Romantische“ (S.65). Wie schon erwähnt, ist er der Meinung, dass Donna Anna Don Giovanni gegenüber steht und dass die beiden in der Handlung eng miteinander verbunden sind. Als er nach der Aufführung in der Loge des leeren Theaters sitzt, beschreibt er seinem Freund Theodor diese Beziehung: „Donna Anna ist rücksichtlich der höchsten Begünstigungen der Natur dem Don Juan entgegengestellt. So wie Don Juan ursprünglich ein wunderbar kräftiger, herrlicher Mann war, so ist sie ein göttliches Weib, über deren reines

Gemüt der Teufel nichts vermochte.“ (S.68)

Der Enthusiast gibt den himmlischen Mächten die Schuld daran, dass Don Giovanni solche bösen Taten begeht; seiner Meinung nach haben diese Mächte Don Giovanni seine verführerischen Begabungen und Schönheit gegeben, aber gleichzeitig das Recht behalten, ihm „aufzulauern und ihm selbst in dem Streben nach dem Höchsten, worin er seine göttliche Natur ausspricht, böse Fallstricke zu legen.“ (S.66) Der Erzähler sieht als Grund von Don Giovannis ständigen Verführungen, „ein ewiges brennendes Sehnen“ (S.66) nach dem „Ideal endlicher Befriedigung“ (S. 67), das er – nach der Meinung des Enthusiasten – nie erreichen kann. Aber trotzdem versucht er das, indem er pausenlos von einer Frau zu einer anderen geht, in der Hoffnung, die Befriedigung durch die Liebe finden zu können. Außerdem soll für ihn jede Verführung „ein herrlicher Triumph“ sein „über jene feindliche Macht, der ihn immer mehr hinaushebt aus dem beengenden Leben – über die Natur – über den Schöpfer!“ (S.67-68)

Donna Anna hätte die Retterin Don Giovannis sein sollen, wenn das Geschehen anders verlaufen wäre. In manchen Bearbeitungen des Don-Juan-Stoffes spielt Donna Anna eine sehr kleine Rolle, oder sie taucht sogar überhaupt nicht auf. Bei Bertati und Gazzanniga, zum Beispiel, ist sie ganz in den Hintergrund des Geschehens geschoben. Mozart ist in seiner Oper von dieser Version ausgegangen, hat aber Donna Anna eine größere, wichtigere Rolle gegeben. Ebenfalls hat Hoffmann die Rolle Donna Annas genommen, und sie noch weiter gehoben, bis sie, wie schon gesagt, eine Gegenspielerin Don Giovannis repräsentiert. Es gibt starke Beweise dafür und es wird in der Forschung außerdem behauptet, dass sie in Hoffmanns Bearbeitung „Don Giovanni heimlich liebe.“  Der Enthusiast äußert seine

Meinung, dass Donna Anna potentiell die Fähigkeit hat, Don Giovanni durch die Liebe „der Verzweiflung seines nichtigen Strebens zu entreißen“ (S.69). Aber an dem Punkt, wo diese zwei Charaktere sich kennen lernen, ist Don Giovanni schon zu weit in seinem verzweifelten Streben nach Befriedigung seiner Seele gekommen, und er kann nur daran denken, sie zu ruinieren. Er tötet ihren Vater und ihre Liebe wendet sich dadurch in Hass für den Mörder. Sie sucht Rache, und „nur Don Juans Untergang kann der von tödlichen Martern beängsteten Seele Ruhe verschaffen“ (S.69).

6. Schluss

Hoffmanns Bearbeitung des Don Juan-Stoffs, obwohl nur eine von zahlreichen Versionen über mehrere Jahrhunderte, hat trotzdem eine bedeutungsvolle Wirkung auf spätere Interpretationen geschafft. Hoffmann hat zum ersten Mal den Stoff so bearbeitet, dass Donna

Anna sich in Don Giovanni verliebt; diese Idee wurde dann 1830 von Puschkin in seinem

Drama Kamennyj Gost (Der Steinerne Gast) benutzt, wobei Don Giovanni den Mann von

Donna Anna, anstatt den Vater, ermordet.  Vor allem aber hat Hoffmann zum ersten Mal das Motiv der romantischen Sehnsucht aufgegriffen und Don Juan als einen Romantiker beschrieben, der auf der Suche nach etwas höherem ist und sich mit der platten Realität nicht abzufinden vermag. Im Jahre 1844 hat auch Nikolaus Lenau sich durch Hoffmanns Don Juan inspirieren lassen, indem er in seinen Dramatische Szenen über einen Verführer geschrieben hat, der immer auf der Suche nach Befriedigung ist, aber diese nie finden kann.16 Außerdem hat Hoffmanns Interpretation spätere Aufführungen von Mozarts Don Giovanni beeinflusst, so dass sie anders dargestellt wurden als vorher; am meisten hat sich die Rolle von Donna Anna geändert.17 In wenigen Jahren hat die weibliche Hauptrolle der Oper von Donna Elvira zu Donna Anna gewechselt, was fast unbestritten auf Hoffmanns Bearbeitung des Stoffs zurückzuführen ist.

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Essay Sauce, Comparing Mozart’s Don Giovanni and Hoffmann’s Don Juan: A Literary Analysis. Available from:<https://www.essaysauce.com/sample-essays/2017-1-22-1485083536/> [Accessed 12-04-26].

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